Mit dem Projekt GET H2 Nukleus bauen und betreiben die Unternehmen Evonik mit seiner Tochter SYNEQT, Nowega, OGE, RWE Gas Storage West und RWE Generation einen der ersten realisierten Abschnitte des deutschen Wasserstoffkernnetzes. Das Netz verbindet schrittweise die Erzeugung von grünem Wasserstoff in Lingen (Niedersachsen) mit industriellen Abnehmern in Nordrhein-Westfalen. Rund 120 Kilometer Wasserstoffleitungen von Lingen bis zum Chemiepark Marl sind in Betrieb; mit der bereits fertiggestellten Verbindung von Marl zur Raffinerie in Gelsenkirchen-Scholven umfasst das Netz insgesamt rund 130 Kilometer. Hervorgegangen ist das Projekt aus der Initiative GET H2, die bereits über 50 Unternehmen, Kommunen und Institutionen umfasst.
Als Schlüssel zum Aufbau einer deutschlandweiten Wasserstoffwirtschaft sieht GET H2 die Nutzung bereits bestehender Gas-Fernleitungsnetze. Durch die Umstellung vorhandener Erdgasleitungen auf den Transport von Wasserstoff kann dieser über große Distanzen innerhalb des gesamten Bundesgebietes und darüber hinaus bewegt werden. Das Projekt GET H2 Nukleus gehört zu den ersten Umsetzungsprojekten des deutschen Wasserstoffkernnetzes. Einen wichtigen Beitrag zur Klimaneutralität soll dabei der Fokus auf grünen Wasserstoff, der mit Strom aus Erneuerbaren Energien hergestellt wird, leisten. In Raffinerien und der chemischen Industrie ersetzt er zum Beispiel den heute eingesetzten grauen Wasserstoff, bei dessen Erzeugung erhebliche CO₂-Emissionen anfallen.
„Der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur basierend auf der bestehenden Gasinfrastruktur ist der kostengünstigste Weg und gewährleistet Versorgungssicherheit – beides ist für die industriellen Abnehmer wichtig.“
Dr. Jörg Bergmann, Sprecher der Geschäftsführung der Open Grid Europe GmbH
Grüne H2-Produktion für Großabnehmer
Im Projekt GET H2 Nukleus wird der grüne Wasserstoff mit einer Elektrolyseanlage im „Power-to-Gas“-Verfahren erzeugt. Am Standort des RWE-Gaskraftwerks in Lingen befinden sich zwei Elektrolyseure mit einer Leistung von jeweils rund 100 Megawatt im Prozess der Inbetriebnahme. Der mit Strom aus Erneuerbaren Energien – insbesondere Offshore-Windstrom – erzeugte Wasserstoff erfüllt die EU-Anforderungen für erneuerbare Kraftstoffe nicht-biologischen Ursprungs (RFNBO). Bis Ende 2026 soll die Anlage eine Leistung von 200 Megawatt erreichen und ab 2027 auf 300 Megawatt ausgebaut werden.
Für den Transport des erzeugten Wasserstoffs kommt eine regulierte Pipeline zum Einsatz, die zu den ersten Abschnitten des deutschen Wasserstoffkernnetzes gehört. Mit der beihilferechtlichen Genehmigung durch die EU-Kommission im Februar 2024, dem anschließenden Überreichen der IPCEI-Förderbescheide im Juli 2024 sowie der Genehmigung des Wasserstoffkernnetzes im Oktober 2024 sind die entscheidenden Hürden genommen worden. Anfang August 2026 erreichte erstmals erneuerbarer Wasserstoff aus Lingen den Chemiepark Marl – damit greifen Erzeugung, Transport und Abnahme erstmals im Realbetrieb ineinander.
Weitgehende Nutzung vorhandener Infrastruktur
Der Zugang zu dem Wasserstoffkernnetz steht. wie bei Strom- und Erdgasnetzen, grundsätzlich allen Erzeugern, Händlern oder Verbrauchern offen. Auf diese Weise ist die schnelle und verlässliche Integration weiterer Wasserstoffprojekte an zusätzlichen Standorten möglich. Damit schafft das Projekt wichtige Voraussetzungen für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft in Deutschland und beschleunigt die Entwicklung von Wasserstofftechnologien entlang der gesamten Wertschöpfungskette hin zu wirtschaftlichen Geschäftsmodellen.
Für die Umstellung des Fernleitungsnetzes von Erdgas auf Wasserstoff sind technische Anpassungen notwendig: so zum Beispiel die Verdichtung von reinem Wasserstoff auf den erforderlichen Pipelinedruck oder der Austausch von Armaturen. Da überwiegend bestehende Leitungen genutzt werden, fällt der bauliche Aufwand deutlich geringer aus als bei einem Neubau – ein wesentlicher Kostenvorteil. Ergänzt wird der umgestellte Bestand um einzelne Neubauabschnitte: SYNEQT hat die Verbindung zwischen Chemiepark Marl und der Raffinerie in Gelsenkirchen-Scholven errichtet, OGE und Nowega haben Ende 2025 eine rund zehn Kilometer lange Neubauleitung von Heek nach Epe fertiggestellt. Bis 2027 stellen beide Netzbetreiber zudem eine bestehende Leitung von Legden nach Dorsten auf Wasserstoff um und errichten eine neue Leitung von Dorsten nach Marl, um weitere Industriekunden anzubinden. Die Neubauleitung Heek–Epe bindet den Kavernenspeicher der RWE Gas Storage West am Standort Gronau-Epe an. Dies ermöglicht eine kontinuierliche H2-Versorgung der Abnehmer auch in Phasen längerer Nichtverfügbarkeit von erneuerbarem Strom.
CO₂-Einsparung durch Einsatz grünen Wasserstoffs
Die Nutzung von Wind- oder Solarstrom zur Herstellung von grünem Wasserstoff ermöglicht es, Erneuerbare Energien über eine lange Zeit in großen Mengen zu speichern. Durch die Pipeline wird der Wasserstoff direkt zu industriellen Abnehmern in NRW transportiert, beispielsweise Chemieparks und Raffinerien. Der klimafreundlich erzeugte grüne Wasserstoff kann auch in Sektoren eingesetzt werden, in denen eine Elektrifizierung nicht umsetzbar ist (Stichwort „Sektorenkopplung“), und dort zu einer Verringerung der CO₂-Emissionen beitragen. Sowohl durch die direkte stoffliche Nutzung als auch durch den Einsatz als Energieträger eröffnet grüner Wasserstoff für viele Industriebranchen erhebliche CO₂-Einsparungspotenziale. Voraussetzung dafür ist, dass der Wasserstoff klimafreundlich hergestellt wird und die entsprechende leistungsfähige Transportinfrastruktur zur Verfügung steht, um die industriellen Verbraucher verlässlich versorgen zu können.