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Mehr als die Hälfte des Wohnungsbestands in Nordrhein-Westfalen sind Mehrfamilienhäuser – diese zukünftig klimafreundlich zu beheizen, ist ein wichtiger Beitrag für die Wärmewende. Mit einer Auszeichnung im Landeswettbewerb „WärmepumpenChallenge.NRW“ will das Land Nordrhein-Westfalen standardisierbare Wärmepumpenlösungen im Mehrfamilienhausbestand sichtbar machen und so einen Impuls für die Wärmewende setzen. Wie diese aussehen können? Im Interview stellen die drei Gewinnerunternehmen ihre Lösungen vor.
Das im Zuge der „WärmepumpenChallenge.NRW“ ausgezeichnete Konzept des Bausachverständigenbüros INDICAMUS GmbH ersetzt Gasetagenheizungen durch ein zweistufiges System, das eine zentrale Wärmepumpe und Mikro-Wärmepumpen in den jeweiligen Wohnungen kombiniert. Die zentrale Anlage arbeitet mit niedrigen Temperaturen, während die Mikrowärmepumpen die individuelle Raum- und Warmwasserversorgung übernehmen. Ein wichtiger Vorteil: Die Mikrowärmepumpen bleiben – ähnlich wie bisher die Gasetagenheizungen – Sondereigentum der jeweiligen Wohnungseigentümerinnen und -eigentümer, wodurch vertraute Eigentums- und Verantwortungsstrukturen erhalten bleiben. Gleichzeitig bleibt der bauliche Aufwand gering, der Energieverbrauch sinkt deutlich und die Nutzenden behalten ihre gewohnte Regelbarkeit der Temperatur. Warum er das Konzept als standardisierbar einstuft und wie das Unternehmen vorgegangen ist, berichtet Lennart Feldmann, Geschäftsführer von INDICAMUS im Interview:
Warum sollten sich Ingenieurbüros wie Ihres mit dem Thema Wärmepumpen in Mehrfamilienhäusern mehr befassen?
Lennart Feldmann: Mehrfamilienhäuser sind einer der größten Hebel der Wärmewende, werden aber oft als zu komplex betrachtet – insbesondere bei Gebäuden mit Gasetagenheizungen in Wohnungseigentümergemeinschaften (kurz WEG). Diese Projekte bezeichnen wir bewusst als die ‚Königsklasse‘ der energetischen Sanierung, da bauliche Besonderheiten und unterschiedliche Interessen der Eigentümerinnen und Eigentümer eine besonders anspruchsvolle Beratung erfordern. Genau hier braucht es Ingenieurbüros, die Technik, Wirtschaftlichkeit und Nutzerbelange zusammenbringen. Für uns ist das nicht nur ein wachsendes Geschäftsfeld, sondern auch eine große Chance, praktikable Lösungen für den Gebäudebestand zu etablieren.
Warum halten Sie das zweistufige Modell für gut standardisierbar und wo liegen die Vorteile?
Lennart Feldmann: Das Modell eignet sich besonders für typische Nachkriegsbauten mit Gasetagenheizungen – davon gibt es in NRW zehntausende Gebäude. Durch die Nutzung bestehender Heizkörper und Schächte lassen sich viele Projekte nach dem gleichen Prinzip umsetzen. Das senkt Planungsaufwand, verkürzt Bauzeiten und macht die Lösung gut skalierbar.
Das zweistufige System arbeitet besonders effizient, da die zentrale Wärmepumpe niedrige Systemtemperaturen bereitstellt und die Mikrowärmepumpen durch die hohen Quelltemperaturen sehr gute Leistungszahlen erreichen. Gleichzeitig können aufgrund der angepassten Vorlauftemperaturen die bestehenden Heizkörper in der Regel weiter genutzt werden. Dadurch werden die Eingriffe innerhalb der Wohnungen auf ein Minimum reduziert.
Wie koordinieren Sie die Baumaßnahmen mit den Eigentümern bzw. Mietern?
Lennart Feldmann: Eine transparente Kommunikation ist entscheidend, insbesondere in Wohnungseigentümergemeinschaften. Zentraler Erfolgsfaktor ist dabei die enge Abstimmung mit der Hausverwaltung sowie die Installation eines festen „Sanierungscoaches“. Das kann beispielsweise der Bauingenieur oder Energieberater sein, wie wir ihn aus dem vierwöchigen Sanierungssprint beim Ein- und Zweifamilienhaus kennen. Dieser fungiert als zentraler Ansprechpartner für Eigentümerinnen und Eigentümer, Verwaltung und ausführende Unternehmen und sorgt für klare Zeitpläne und verlässliche Prozesse. So lassen sich die Maßnahmen im Keller und in den Wohnungen gut planen und auf kurze, gut koordinierte Eingriffe beschränken.
Was verändert sich für die Wohnungseingentümer oder Mieterinnen beim Einbau einer Mikrowärmepumpe?
Lennart Feldmann: Die zentrale Wärmepumpe wird außerhalb des Gebäudes installiert und ist vergleichbar mit Anlagen aus dem Ein- und Zweifamilienhausbereich. Die Mikrowärmepumpe ist etwa so groß wie die bisherige Gasetagenheizung und übernimmt in der Wohnung deren Platz. Sie arbeitet leise, lässt sich weiterhin individuell regeln und erfordert keine größeren Umbauten – der Alltag bleibt weitgehend unbeeinträchtigt.
Wie ist der aktuelle Stand Ihres Vorreiter-Projekts in Bergisch Gladbach und wann kann man ein Ergebnis sehen?
Lennart Feldmann: Das Projekt befindet sich aktuell in der finalen Abstimmungsphase mit der Eigentümergemeinschaft, bevor die Fachplanung starten kann. Mit Unterstützung der Hausverwaltung findet noch im Februar eine Auftaktveranstaltung statt, bei der wir sowohl die Eigentümerinnen und Eigentümer des betrachteten Objekts als auch der angrenzenden Mehrfamilienhäuser über das Konzept informieren und für eine Umsetzung gewinnen möchten. Sobald die Eigentümerinnen und Eigentümer grünes Licht geben, kann die Umsetzung des Projekts noch in diesem Jahr erfolgen. Als Indicamus GmbH sind wir stolz darauf, solche Pilotprojekte in Nordrhein-Westfalen umzusetzen und damit konkrete, übertragbare Beiträge zur Wärmewende im Gebäudesektor zu leisten – und wir freuen uns sehr auf das Projekt und eine gemeinsame, engagierte Umsetzung.
Zu den Interviews der weiteren ausgezeichneten Projekte:
Konzept 1: Klimaneutrale Wohnungsgesellschaft als Vorbild
Konzept 2: Contracting-Modell als Finanzierungshilfe
Zur Initiative „Heizkeller der Zukunft”
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