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Ausgezeichnetes Konzept #1: Klimaneutrale Wohnungsgesellschaft als Vorbild

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Mehr als die Hälfte des Wohnungsbestands in Nordrhein-Westfalen sind Mehrfamilienhäuser – diese klimafreundlich zukünftig klimafreundlich zu beheizen, ist ein wichtiger Beitrag für die Wärmewende. Mit einer Auszeichnung im Landeswettbewerb „WärmepumpenChallenge.NRW“ will das Land Nordrhein-Westfalen standardisierbare Wärmepumpenlösungen im Mehrfamilienhausbestand sichtbar machen und so einen Impuls für die Wärmewende setzen. Wie diese aussehen können? Im Interview stellen die drei Gewinnerunternehmen ihre Lösungen vor.

Als Gewinner der WärmepumpenChallenge.NRW ist die teilkommunale Wohnungsgesellschaft Werdohl GmbH ein Vorbild, vor allem für andere Wohnungsunternehmen: Das Unternehmen stellt alle Mehrfamilienhäuser im Gebäudeportfolio mit 217 Gebäuden und 1.447 Wohnungen auf klimaneutrales Heizen um. Dabei entwickelt es standardisierte Lösungen mit Luft-Wärmepumpen in Kombination mit energetischen Sanierungen und ergänzt diese um Bausteine wie Photovoltaik, ein einheitliches Heizungsmonitoring und ein Kommunikationskonzept für Bewohnerinnen und Bewohner. Welche Vorteile das bringt und wie die Wohnungsgesellschaft vorgeht, berichtet Ingo Wöste, Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft Werdohl GmbH, im Interview.

Wie kam es zum Entschluss, eine klimaneutrale Wohnungsgesellschaft zu werden?  
Ingo Wöste: Als Anfang 2022 Russland die Ukraine völkerrechtswidrig angegriffen hat, kam es auch für meine Person als Geschäftsführer zu einer Zeitenwende, und zwar klimapolitisch. Das damit verbundene willkürliche Abstellen des Gashahns durch Russland führte dazu, dass die Beheizung unserer Häuser mit diesem fossilen Heizträger bis zur Erreichung der Klimaneutralität keine vertretbare wirtschaftliche und moralische Übergangstechnologie mehr sein konnte. 
Auf der Suche nach Wegen, aus dieser Abhängigkeit zu entkommen, wurde die Wahrscheinlichkeit eines nahezu klimaneutralen Bestandes der Wohnungsgesellschaft Werdohl GmbH bis zum Jahr 2035 immer konkreter und greifbarer.  

Welche – auch wirtschaftlichen – Vorteile sehen Sie darin?  
Ingo Wöste: Zuallererst müssen wir von Despoten kein überteuertes Erdgas und Öl mehr kaufen und finanzieren damit auch nicht Kriege gegen andere Staaten. Zudem fallen auch alle Begleitkosten weg, wie beispielsweise immer weiter steigende CO2- und Netzkostenbeiträge. 
Bei der Wärmeerzeugung durch erneuerbare Energieträger fallen bei der Nutzung von Wärmepumpen dank der kostenlos nutzbaren Umweltenergie aus der Luft je eingesetzter Kilowattstunde (kWh) Energie mehrere kWh als kostenloser Hinzugewinn an, zum monetären Vorteil für unsere Mietparteien. Damit unter anderem der dafür benötigte Strom auch aus erneuerbaren Quellen kommt, gründen wir aktuell gemeinsam im Zuge einer Initiative mit 22 Wohnungsunternehmen das Photovoltaikunternehmen ‚KliWo’, das klimaneutralen Strom für Mietparteien und Wärmepumpen zur Verfügung stellen soll. Dadurch verwandelte sich unser Wohnungsunternehmen zum Klimaschützer und nimmt eine Vorreiterrolle zur Realisierung der Wärmewende in der Wohnungswirtschaft ein.

Mit welchen Maßnahmen gehen Sie dabei in den einzelnen Gebäuden vor und inwieweit standardisieren Sie diese Lösungen?  
Ingo Wöste: Im Jahr 2030 sollen im Rahmen unserer Wärmepumpenoffensive in allen schon vorher energetisch sanierten Häusern die Gaszentralheizungen gegen neue Luftwärmepumpenanlagen getauscht werden. Weiterhin ist bis zum Jahr 2034 geplant, alle Bestandshäuser bis auf einige nicht dauerhaft erhaltungswürdige Gebäude energetisch komplett zu sanieren und neue Luftwärmepumpenanlagen einzubauen.
Gerade beim Austausch des fossilen gegen den erneuerbaren Heizträger sind die Verfahrensschritte in der Regel immer identisch und wurden von uns standardisiert. Dafür wurde von uns eigens eine umfangreiche To-do-Liste mit den Untergruppen Netzbetrieb, kalkulierte und tatsächliche Kosten, Ausschreibungsergebnisse, Förderungen Wärmepumpen und Fachplaner, mietrechtliche Maßnahmen, Einbau der Luftwärmepumpenanlagen, Wärmepumpentarife und Monitoring erstellt, die jeweils wieder in kleinteilige und zeitversetzte Verfahrensschritte unterteilt sind. Das ermöglicht auch bei höheren Stückzahlen ein effektives Controlling der gesamten Abläufe.   

Mieterkommunikation ist in Ihrem Konzept sehr wichtig – wie setzen sie diese um?  
Ingo Wöste: Mit der Steuerung des eigenen Heizverhaltens haben die Mietparteien den Schlüssel zum Erfolg der Wärmewende mit in der Hand - und damit auch Einfluss auf die ihnen entstehenden Kosten. Ein noch so gut gedämmtes Haus verliert bei ständig offenem Fenster und voll aufgedrehter Heizung komplett seine heizenergieeinsparende Funktion. Daher liegt unser Fokus auf dem kontinuierlichen Heizungsmonitoring: damit verbundenen ist, Vielverbraucher (Poweruser) von Heizenergie ausfindig zu machen und zu sensibilisieren sowie Heizungstemperaturen auf 45 Grad zu senken, was anfänglich Verwunderung seitens der Mietenden und Aufklärungsbedarf erzeugten. Insbesondere bei Wärmepumpen müssen sich Nutzende an niedrigere Vorlauftemperaturen gewöhnen – Heizkörper fühlen sich kühler an, obwohl die Raumtemperatur konstant bleibt.  Vielschichtige mediale Hilfestellungen zur Änderung des Heizverhaltens runden das Gesamtpaket ab.  
 

Warum halten Sie das Vorgehen für andere Wohnungsgesellschaften für gut nachahmbar?  
Ingo Wöste: Unsere Ausführungen für die Wärmepumpen-Challenge sind für Eigentümer von Mehrfamilienhäusern sehr gut geeignet, um bei einer energetischen Sanierung mit Einbau einer Wärmepumpenanlage als Leitfaden zu dienen, auch über einen Quartiersansatz hinweg.  Er hilft, den Wechsel von fossilen auf erneuerbare Heizsysteme, hier die Luftwärmepumpe, so hinzubekommen, dass diese effektiv und damit kostengünstiger als fossile Heizanlagen betrieben werden können – und genau das muss uns jetzt im Wohngebäudesektor gelingen.

Zu den Interviews der weiteren ausgezeichneten Projekte: 

Konzept 2: Contracting-Modell als Finanzierungshilfe 

Konzept 3: Zweistufiges Wärmepumpensystem mit Temperatureinstellung in der Wohnung 

Zur Initiative „Heizkeller der Zukunft”