Newsbeitrag

Wettbewerbsfähigkeit braucht verlässlichen Emissionshandel

| Newsbeitrag

Warum Europas wichtigstes Klimaschutzinstrument jetzt nicht geschwächt werden darf 

Die deutsche Industrie steht vor der anspruchsvollen Aufgabe, ihre Produktion klimaneutral umzubauen und gleichzeitig im internationalen Wettbewerb erfolgreich zu bleiben. Das europäische Emissionshandelssystem (ETS) spielt dabei eine zentrale Rolle, indem es verlässliche Anreize für Investitionen in klimafreundliche Technologien setzt. Anlässlich der anstehenden Reform durch die Europäische Kommission blickt Lars Baumgürtel, CEO und geschäftsführender Gesellschafter der ZINQ-Gruppe sowie Träger des Deutschen Umweltpreises, im Interview mit unserer Geschäftsführerin Dr. Katharina Schubert auf die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und die Weichenstellungen für eine erfolgreiche Transformation. 

 

Herr Baumgürtel, wie steht es aus ihrer Sicht aktuell um die Transformation und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie? 

Ich glaube, was derzeit in den Vordergrund gerückt ist, ist das Thema der Wettbewerbsfähigkeit – und die Transformation als solches wird von den Unternehmen im Kontext ihrer Wettbewerbsfähigkeit natürlich noch mal kritischer beäugt. Die Unternehmen können ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht komplett gegen die Transformation eintauschen. Um langfristig bestehen zu können, wird man beides machen müssen, aber das ist in diesen Zeiten eine Herausforderung. 

Eines der zentralen Leitinstrumente für die Industrietransformation ist der europäische Emissionshandel. Die Diskussion um die Zukunft des ETS I gewinnt aktuell im Rahmen der anstehenden Reform an Schärfe. Wie schätzen Sie Forderungen danach ein, den CO2-Preis zur Entlastung der Industrie zu drücken oder den ETS I ganz auszusetzen? 

Der Emissionshandel als solches ist ein sehr wirksames Instrument und hat dazu geführt, dass der Sektor Industrie auf dem Emissionsreduktionspfad gehalten wird. Wir müssen eher überlegen, ob wir den Emissionshandel anpassen und auch die anderen Sektoren, die ihre Ziele derzeit nicht erfüllen, mit integrieren. Gleichzeitig müssen wir Anpassungen vornehmen, die vor allem Wettbewerbsverzerrungen vermeiden, und zwar international, innereuropäisch und intersektoriell, so dass Unternehmen, die am Emissionshandel teilnehmen, nicht benachteiligt werden. 

Wie sieht aus ihrer Sicht ein funktionierender Carbon Leakage Schutz aus? Was braucht die Industrie an Entlastungen? 

Dass wir einen Schutzmechanismus brauchen, das wird niemand bestreiten. Dieser Schutz allerdings, das möchte ich deutlich sagen, bezieht sich nicht nur auf den internationalen, außereuropäischen Wettbewerb, sondern sollte eigentlich schon intersektoriell zwischen Substituten und im Binnenmarkt, also innereuropäisch wirken. Auch dort gibt es ungleiche Bedingungen und ich glaube ein ETS wäre dann fair, wenn es die Möglichkeit gäbe, diese unterschiedlichen Wettbewerbsverzerrungen durch beispielsweise entsprechende Zuteilungen von Zertifikaten weitestgehend auszugleichen. Ideal wäre es natürlich, wenn alle Marktteilnehmer an diesem Emissionshandel teilnehmen würden und wir Ausgleichsmaßnahmen nicht bräuchten. 

Einen globalen Emissionshandel werden wir jedoch wahrscheinlich nicht erreichen. Auf der anderen Seite ist die Idee des Grenzausgleichsmechanismus (CBAM/Carbon Border Adjustment Mechanism), die Bedingungen so zu gestalten, dass diejenigen im Ausland, die nicht mitmachen, nicht bessergestellt werden als die, die bei uns auf dem europäischen Markt einem entsprechenden Emissionshandel unterworfen sind, richtig. Aber wie gesagt: dieser Ausgleich muss nicht nur international, sondern auch innerhalb Europas und auch zwischen den Sektoren gelten.  

Ich glaube, der richtige Weg – und den beschreibt auch die Studie der DIHK „Plan B“ – ist die Erweiterung des Emissionshandels. Cap-and-Trade-Systeme wie der ETS sind effizient und wirksam, der Emissionshandel müsste nur konsequenterweise auf alle Sektoren erweitert werden. Und zwar nicht nur auf die Herstellung von Produkten und damit zusammenhängenden Emissionen, sondern auch auf die Nutzung und Wiederverwertung, sodass wir den gesamten Lebenszyklus eines Produktes bewerten können. Am Ende wäre der ideale Emissionshandel tatsächlich einer, der einerseits alle Sektoren umfasst und andererseits alle direkten und indirekten Emissionen des Lebenszyklus eines Produktes berücksichtigt. Lang haltbare, materialgesunde und wiederverwertbare Produkte wären dann günstiger als Produkte, die vielleicht weniger Emissionen in der Herstellung verursachen, aber eben nicht auf Haltbarkeit und Qualität ausgelegt sind.