| Newsbeitrag
Dr. Constantin von Selasinsky, Leiter der Leitstelle Circular Economy (CE.NRW) bei NRW.Energy4Climate, gibt eine Übersicht zu Unterstützungsangeboten für Unternehmen und Kommunen, zum Status quo der Circular Economy in NRW und zu den erforderlichen nächsten Schritten, damit sie gelebte Praxis wird.
Warum Circular Economy? Welche Chancen bietet die Investition in eine zirkuläre Wirtschaftsweise für Unternehmen und Kommunen?
Weil die lineare Geschichte auserzählt ist. Ohne Circular Economy verlieren Unternehmen und Kommunen langfristig an Wettbewerbsfähigkeit. Für Unternehmen eröffnen sich durch Circular Economy neue und lukrative Perspektiven, indem sie resilientere Lieferketten bilden, innovative Materialien nutzen oder neue Geschäftsmodelle etablieren. Kommunen profitieren von stabilen Lieferketten, gestärkter regionaler Wertschöpfung und dem nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen. Wer auf zirkuläre Wirtschaft setzt, schafft sich wettbewerbliche Vorteile und handelt gleichzeitig ökologisch verantwortungsbewusst.
Nehmen wir beispielhaft die Potenziale von zirkulärem Bauen: Im Unterschied zum linearen Ansatz, kann man zirkulär rechtssicherer, ressourcenschonender und oft wirtschaftlicher bauen, was wiederum zahlreiche Chancen für die Stadtentwicklung von Kommunen bietet. Auch bei den Unternehmen gibt es Erfolgsgeschichten. Ob aufgearbeitete LKW-Getriebe aus Bielefeld oder die Rückführung von seltenen Erden aus Pumpen in Dortmund: Unternehmen profitieren in vielen Bereichen von zirkulären Geschäftsmodellen.
Warum ist das Thema Circular Economy speziell für Nordrhein-Westfalen besonders wichtig?
Als Industrieland hat Nordrhein-Westfalen eine besondere Beziehung zur Grundstoffindustrie. Die Circular Economy kann für sie zu einem entscheidenden Standortfaktor werden. Bereits heute zeigen Recyclingprojekte wie „MoReTEC1” und „LARS” in der Chemieindustrie, wie sich Kunststoffe mechanisch und chemisch recyceln und damit Ressourcen im Wirtschaftskreislauf halten lassen. Und auch zahlreiche Projekte in anderen Branchen zeigen, dass schon Vieles machbar ist. Zudem hat Nordrhein-Westfalen eine starke Forschungslandschaft, vielfältige kommunale Strukturen und eine lebhafte und engagierte Circular-Economy Community. Damit bietet unser Land die idealen Voraussetzungen, zirkuläre Ansätze in die Praxis zu überführen. Auch ein Blick auf unsere Nachbarn lohnt: Die Benelux-Staaten gehören in Europa zu den Vorreitern der Circular Economy und sind mit ihren Häfen, Logistiknetzen und politischen Maßnahmen für mehr Zirkularität wichtige Impulsgeber für die Rhein-Maas-Region. In den Niederlanden stammt rund ein Viertel aller verwendeten Materialien aus recycelten Quellen, also deutlich mehr als im EU-Durchschnitt oder in Deutschland. Belgien verzeichnet ebenfalls überdurchschnittlich hohe Recyclingraten, etwa im Verpackungsbereich. Unsere Nachbarn bieten also wichtige Anknüpfungspunkte und viel Know-how für eine enge grenzüberschreitende Zusammenarbeit, von der NRW und die europäische Gemeinschaft langfristig profitieren können.
Wo steht Circular Economy politisch: Welche politischen Rahmenbedingungen müssen Land, Bund und EU noch schaffen?
Wir stehen gerade vor entscheidenden Weichenstellungen für den Aufbau einer Circular Economy. Zentral ist, jetzt einen klaren politischen Ordnungsrahmen zu schaffen, in dem sich zirkuläre Geschäftsmodelle, Produktdesignstandards und Materialeffizienzstrategien entfalten können. Dazu gehören gesetzliche Vorgaben für langlebige, reparierbare Produkte, verbindliche Vorgaben für Recyclingquoten und steuerliche Anreize für eine ressourcenschonende Produktion, damit Unternehmen und Kommunen langfristig planen und investieren können. Wenn wir beim Beispiel der Grundstoffindustrie bleiben, sind zirkuläre Leitmärkte ein entscheidender Hebel: Öffentliche Aufträge können so gezielt Produkte aus recycelten Materialien nachfragen und Förderprogramme können Innovationen für wiederaufbereitbare Materialien unterstützen. So werden nachhaltige Geschäftsmodelle und Produkte in der Breite ermöglicht.
Ist Circular Economy ein Allheilmittel für die Zukunftsfähigkeit der Industrie oder ein Baustein von vielen?
Um Klimaneutralität bis zum Jahr 2045 zu erreichen, ist der konsequente Aufbau einer Circular Economy unbedingt erforderlich. Natürlich löst Circular Economy nicht kurzfristig alle Herausforderungen der Industrie, aber mittel- und langfristig bietet sie echte Entlastung, schafft neue Geschäftsmodelle und hilft, wichtige Industriezweige in Deutschland zu halten.
Meine persönliche Einschätzung: Gerade in Zeiten starker Abhängigkeit von ausländischen Rohstoff‑ und Energieimporten, macht Circular Economy einen echten Unterschied. Gleichzeitig lassen sich mit konsequent zirkulären Strategien in Deutschland bis zu 39 Prozent der Treibhausgasemissionen einsparen. Das ist ein klares Signal dafür, wie sehr Ressourceneffizienz zugleich Klima‑ und Wirtschaftsschutz ist. Für NRW hieße das in der Konsequenz: stärkere regionale Wertschöpfung und ein wirtschaftlicher Vorteil im internationalen Wettbewerb. Circular Economy ist ein Weg, der echte Chancen eröffnet.
Wie kann die Leitstelle Circular Economy bei NRW.Energy4Climate Unternehmen, Kommunen und anderen Akteuren helfen?
Die Leitstelle Circular Economy, kurz CE.NRW, versteht sich als Partnerin für alle, die den Wandel hin zu einer Circular Economy aktiv mitgestalten wollen und gemeinsam daran arbeiten, zirkuläre Wertschöpfung in Nordrhein-Westfalen dauerhaft zu verankern. Von den NRW-Ministerien für Wirtschaft und Umwelt initiiert und finanziert, bietet die Leitstelle unter dem Dach von NRW.Energy4Climate eine zentrale landesweite Anlaufstelle für das Thema. Sie vernetzt Einsteiger und bereits aktive Akteure zum Thema Circular Economy in NRW, unterstützt mit Fachexpertise bei der Initiierung von Projekten und fördert den Wissensaustausch. Mit der neuen “Circular Economy Landkarte NRW” (Link) bieten wir eine Übersicht der aktuellen Aktivitäten im Land – von Unternehmen über Kommunen bis hin zu Initiativen und Projekten. Unsere Angebote richten sich in erster Linie an Unternehmen und Kommunen, also Menschen aus der Praxis. Mit ihnen stehen wir NRW-weit in engem Austausch. Wir freuen uns über alle Interessierten, die sich auf Veranstaltungen oder durch unsere zukünftigen Angebote vernetzen.
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