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Welche Erkenntnisse ziehen die ersten Pilotkommunen des Kompetenzzentrums Wärmewende NRW aus ihrer kommunalen Wärmeplanung?
Fünf Kommunen starteten mit als erste in Nordrhein-Westfalen schon 2023 ihren Planungsprozess: das Tandem Coesfeld/Borken, die Städte Kamp-Lintfort, Mönchengladbach und Köln sowie zusätzlich als Multiplikator der Kreis Siegen-Wittgenstein. In Begleitung von NRW.Energy4Climate tauschten sie sich regelmäßig zu Erfahrungen, Prozessen und Vorgehen aus. Auch mit dem Ziel, dass Kommunen, die jetzt noch am Anfang stehen, aus den Erkenntnissen der mehrjährigen Begleitung lernen können.
Das sind die Top 10 der wichtigsten Erkenntnisse:
1. Projektstruktur und Commitment
Verwaltungen brauchen bei der Wärmeplanung politische Zustimmung und Unterstützung – vom Einrichten einer planungsverantwortlichen Stelle und eines Projektteams, eventuell verbunden mit Personalaufbau, bis hin zu einer Beteiligung der Politik, gegebenenfalls über einen strategisch verantwortlichen Lenkungskreis, wie bei der Stadt Köln oder einer akteursübergreifenden Steuerungsgruppe wie bei der Stadt Mönchengladbach. Auch externe Dienstleister sowie die Informations- und Beteiligungsverfahren sollten von einer zentralen Arbeitsgruppe gesteuert werden.
2. Interkommunale Zusammenarbeit
Alle Kommunen, besonders kleinere, können bei der Vorarbeit und im Erstellungsprozess ihrer Wärmepläne Synergien aus interkommunaler Zusammenarbeit nutzen, wenn die Ausgangssituation, beispielsweise der Zeitrahmen, es erlaubt. Das Tandem der Städte Coesfeld und Borken hat einen gemeinsamen Energieversorger, was als Basis für eine enge Zusammenarbeit günstig war. Sie sind daher die Wärmeplanung gemeinsam angegangen. Dagegen kann eine Zusammenarbeit von Kommunen auf Kreisebene aufgrund einer dann komplexeren Koordination weniger geeignet sein, wie die Erfahrungen aus Siegen-Wittgenstein zeigen. Der Kreis konnte jedoch viele Unterstützungsangebote für den Wärmeplanungsprozess der Kommunen einbringen.
3. Frühe Akteurseinbindung
Eine frühzeitige Einbindung wichtiger Akteure noch vor Beginn der Planung sowie eine Fortsetzung des Austauschs nach Erstellung des ersten Wärmeplans sind notwendig. Für Kommunen bietet es sich an, den Austausch zu initiieren und zu steuern: mit Energieversorgern, Netzbetreibern, Wohnungswirtschaft, Eigentümern, Industrie und Gewerbe, Handwerk und Energieberatern. Als Format eignen sich Workshops und Austausche mit den verschiedenen Akteursgruppen sowie größere Informationsveranstaltungen mit Beteiligung der Öffentlichkeit. Darüber hinaus können Bündnisse initiiert werden, bei denen beispielsweise Stadt, Stadtwerke und Wohnungswirtschaft langfristig zusammenarbeiten.
4. Daten sammeln und pflegen
Eine gute Datenbasis bildet den Grundstein für die kommunale Wärmeplanung. Bereits im Vorfeld der Wärmeplanung können Kommunen vorhandene Daten von verschiedenen Anbietern einsammeln. Dazu zählen das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen, der Geologische Dienst NRW, Schornsteinfeger und lokale Energieversorger und Netzbetreiber. Im besten Fall werden die Daten in einer eigenen GIS-basierten Datenbank oder einem digitalen Zwilling (3D-Modell) aufbereitet und langfristig gepflegt. Die Stadt Köln hat gute Erfahrungen damit gemacht, auf Basis des open-source-Tools Q-GIS eine eigene Geo-Datenbank zu erstellen und damit im Nachgang viele Fragen zur Wärmeplanung und Gebietsausweisung beantworten können. Kamp-Lintfort arbeitet mit einem digitalen Zwilling, der ebenfalls für diese Fragestellungen genutzt wird.
5. Potenziale einbinden und vom Ziel her denken
Grundsätzlich empfiehlt es sich, nicht von der Ist-Situation auszugehen und zu überlegen, wie man diese ausbauen kann, sondern den Prozess vom gewünschten Ergebnis aus zu betrachten, um die dafür notwendigen Schritte zu ermitteln. Eine klimaneutrale Wärmeversorgung kann nur erreicht werden, wenn neue Strukturen dafür geschaffen werden – Infrastruktur, Digitalisierung, Dezentralität. Dabei sollten alle vorhandenen Potenziale für erneuerbare Wärmequellen ermittelt und für eine lokale Nutzung geprüft werden. Praktische Restriktionen wie Flächenbedarf, Verfügbarkeit (Lastgänge) etc. gilt es hierbei zu beachten.
Die Städte Coesfeld und Borken haben dabei die Methodik einer stufenweisen Eingrenzung der Potenziale anhand eines Indikatorenmodells (Quelle: Leitfaden KWP, KEA BW) angewandt, um die rein theoretischen Potenziale weiter einzuschränken und somit die spätere Realisierbarkeit zu erhöhen. Ergänzend wurden auch ökonomische und soziale Faktoren berücksichtigt.
6. Industrie und Gewerbe doppelt mitdenken
Große und mittlere Betriebe haben in der Regel hohe Wärmebedarfe, aber sie können mit ihrer Abwärme auch selbst als Wärmelieferant fungieren. Hier sollten Kommunen früh den Austausch zu lokal ansässigen Unternehmen suchen, um von Industrie und Gewerbe mehr über ihre Transformationspläne zur Klimaneutralität zu erfahren. So wurden beispielsweise in Kamp-Lintfort mittels einer Befragung lokaler Unternehmen potenzielle Abwärmequellen identifiziert. Zu den Quellen zählen Kühlkreisläufe, Abwasser, Kraft-Wärme-Kopplungs-Prozesse, Abgas und Abdampf. Das Potenzial ist beachtlich: Zirka 24 Prozent des gesamten Wärmebedarfes könnten in Kamp-Lintfort theoretisch durch die Nutzung der industriellen Abwärme gedeckt werden.
7. Gebietsausweisung von Wärmenetzgebieten
Auch bei Gebieten, die auf den ersten Blick keinen hohen Wärmebedarf haben, zum Beispiel weil sie weniger dicht besiedelt sind, sollte eine Wärmenetzeignung nicht per se ausgeschlossen werden. Oft wird ausschließlich die sogenannte Wärmeliniendichte als Indikator herangezogen – das heißt der Wärmebedarf bezogen auf die Länge der potenziellen Trasse. Aber auch bei Gebieten mit einer mittleren Wärmeliniendichte – von zirka 1,5 bis zwei Megawattstunden pro Meter im Jahr – sollten weitere wichtige Indikatoren für eine Gebietsausweisung bewertet werden wie beispielsweise vorhandene Netzinfrastruktur, nahegelegene Wärmequellen, mögliche Ankerkunden, wirtschaftliche Umsetzung und Wahrscheinlichkeit von Sanierungen im Gebiet. Die Pilotkommunen haben Kriterien aufgestellt, die eine Bewertung erleichtern. Auch anhand von lokalem Wissen kann eine Priorisierung der Umsetzung in einzelne Gebiete vorgenommen werden, wie beispielsweise in Mönchengladbach, wo Fokusgebiete identifiziert wurden, die detaillierter und prioritär behandelt wurden.
8. Umsetzung im Blick haben
Die Erfahrungen der Pilotkommunen zeigen: Während des Wärmeplanungsprozesses sollte auch die Umsetzung bereits mitgedacht werden. Relevante Fragen gilt es frühzeitig zu beantworten, da sie meist die Realisierungswahrscheinlichkeit beeinflussen: Wer betreibt später das Wärmenetz? Woher kommt die Finanzierung? Wie können die Wohnungswirtschaft, das Handwerk, Energieberater, IHKs und weitere Akteure unterstützen? Können parallel zur Planung schon Projekte umgesetzt werden? Neben den beschriebenen Maßnahmen des Wärmeplans sollte daher auch eine Verstetigungsstrategie entwickelt werden, die darlegt, wie im Nachgang der Planung die Umsetzung durch die Kommune angegangen werden kann.
Die Stadt Mönchengladbach beschreibt in ihrem Wärmeplan die Einflussmöglichkeiten der Verwaltung: zum Beispiel im Bereich des Planungsrechts, bei der Akteursvernetzung und -zusammenarbeit sowie durch Beratungsleistungen und Aufgaben des energetischen Stadtumbaus. Weitere Handlungsfelder liegen in der kommunalen Beteiligung beziehungsweise der Vergabe von Rechten für den Ausbau der zentralen Wärmeinfrastruktur.
9. Die Öffentlichkeit informieren
Noch während des Planungsprozesses sollten Kommunen mit einer frühzeitigen Kommunikation Klarheit schaffen über das, was die Kommunale Wärmeplanung leisten kann und was nicht. Die Pilotkommunen des Kompetenzzentrums haben dafür vielfältige Lösungen gefunden. So hat die Stadt Kamp-Lintfort etwa einen Flyer für Bürgerinnen und Bürger entwickelt. Alle Pilotkommunen haben zudem spezielle Webseiten mit Informationen für die Öffentlichkeit erstellt.
Webseiten der Pilotkommunen zur Wärmeplanung: Borken, Coesfeld, Kamp-Lintfort, Köln, Mönchengladbach
10. Jeder Wärmeplan ist anders
Die Qualität der Wärmeplanung bemisst sich unter anderem an den lokalen Daten und Kenntnissen, die als Grundlage verwendet werden. Ebenso spielen sie für alle Entscheidungen eine wichtige
Rolle. Auch die Beteiligung bekannter sowie möglicherweise neuer, aber ortsansässiger Akteursgruppen kann relevant für die spätere Umsetzung sein. Jeder Wärmeplan sollte die spezifischen lokalen Bedingungen berücksichtigen und die Synergien mit den Nachbarkommunen einfließen lassen, um am Ende eine erfolgreiche Strategie und Umsetzung zu gewährleisten.
Die Erkenntnisse sind das Ergebnis des Projekts „Pilotkommunen der Wärmeplanung“. Wir bedanken uns bei den beteiligten Kommunen für die Einblicke und Erfahrungen, die sie mit uns geteilt haben und die fortwährend in die Beratungsangebote des Kompetenzzentrums Wärmewende NRW einfließen. NRW.Energy4Climate wird im nächsten Schritt Kommunen bei der Umsetzung ihrer Wärmepläne begleiten.
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