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„Es gibt keinen Grund, mit energetischen Sanierungen zu warten"

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Interview zu neuer Studie mit Christian Noll von der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz

Deutlich mehr Tempo bei der energetischen Gebäudesanierung ist unverzichtbar für eine bezahlbare Wärmewende. Bleibt der Sanierungsstau bestehen, drohen ein explodierender Strombedarf und damit Milliardenkosten für Haushalte und Netze. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Studie „Die Rolle der Gebäudeeffizienz für die Wärmewende" des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Auftrag der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF).
Die DENEFF versteht sich als „starke Stimme der Energieeffizienz“ und engagiert sich als Energiewende-Netzwerk für eine wirksame Energiepolitik in Deutschland und Europa. Geschäftsführer Christian Noll im Interview:

Warum ist es laut ihrer Studie ein Fehlschluss zu glauben, dass es auch ausreichen könnte, bei der Wärmewende nur auf die Dekarbonisierung der Energieträger zu setzen? 
Christian Noll: Sanieren ist in den letzten Jahren deutlich einfacher und schneller geworden, durch innovative Ansätze wie serielle Sanierungen und Sprintsanierung. Sanierung vermeidet darüber hinaus viele Probleme im Energiesystem. Die Studie zeigt: Für eine Wärmewende, die sich allein auf den Energieträgerwechsel beschränkt, müssten Netze und Kraftwerke in einem kaum realisierbaren Tempo ausgebaut werden. Allein der Strombedarf für dezentrales Heizen und Warmwasser würde auf 153 Milliarden Kilowattstunden im Jahr steigen – das entspricht der Jahresleistung von rund 200 Gaskraftwerken mit je 500 Megawatt, dem dreifachen der aktuell in Deutschland installierten Kapazität. Das bedeutet auch: enorme Kosten für Energieverbraucher und Subventionen. 

Welche Probleme ergeben sich für das Stromnetz, wenn nicht ein gewisser Prozentsatz aller Ein- und Mehrfamilienhäuser saniert wird? 
Unsanierte Gebäude benötigen höhere Heizleistungen – insbesondere im Winter. Das führt dann zu um ein Vielfaches höheren Lastspitzen, größerer Netzbelastung und damit Kosten. Sanierte Gebäude dagegen senken nicht nur den Energiebedarf, sondern helfen, die Netzflexibilität zu erhöhen, da sie Wärme länger halten – und sind damit eine gewaltige Systemressource. Die aktuelle Sanierungsstau muss also schnell aufgelöst werden, um eine Kostenexplosion abzuwenden.  

Die oft als ausreichend angeführten jährlichen zwei Prozent bei der Sanierungsrate klingen für Laien erst mal nach wenig, was bedeuten sie genau? 
Zwei Prozent pro Jahr bedeuten, dass jedes Gebäude etwa alle 50 Jahre saniert wird – einem Zyklus, der im Gebäudebestand realistisch und ohnehin nötig ist. Aktuell liegen wir aber nur bei rund 0,7 Prozent – das reicht nicht aus, um das Ziel eines klimaneutralen Gebäudebestands bis 2045 zu erreichen. Und das bedeutet auch: auch die Gebäudewerte verfallen zusehend.

Die Studie unterscheidet zwischen „Sowieso-Kosten” und zusätzlichen Kosten der energetischen Sanierung. Aber bleiben Kosten nicht Kosten für den Verbraucher? 
Ein Großteil der Kosten fällt ohnehin an, weil etwa Fassaden, Fenster oder Dächer und Gebäudetechnik instandgesetzt werden müssen. Diese sogenannten „Sowieso-Kosten“ machen bis zu drei Viertel der Gesamtkosten aus. Nur der energiebedingte Anteil und die sich daraus ergebenen Vorteile dürfen daher überhaupt in eine ehrliche, wirtschaftliche Betrachtung einbezogen werden. Und hier gilt dann: je höher die Energie- und CO2-Preise, desto wirtschaftlicher ist die energetische Sanierung. 

Sie führen in der Studie den volkswirtschaftlichen Nutzen von Effizienzmaßnahmen an – welche gesellschaftliche und soziale Dimension sehen Sie dabei? 
Energieeffizienz schützt gleich mehrfach: das Stromsystem, das Klima – und besonders Haushalte mit geringen Einkommen. Denn wer in unsanierten Gebäuden wohnt, zahlt oft ein Vielfaches mehr für Heizung. Gleichzeitig entstehen durch die Sanierung Wertschöpfung und Beschäftigung – besonders im regionalen Handwerk. Bereits heute sind über 600.000 Menschen in Deutschland in dem Bereich beschäftigt. Das heißt auch: Jeder Euro in Energieeffizienz fließt statt in fossile Energieimporte in Wertschöpfung vor Ort, Handwerk und Technologien.

Die Umsetzung der Wärmepläne in den Kommunen steht in ein bis drei Jahren an – wie schnell müssten energetische Sanierungen bei davon betroffenenEin- und Mehrfamilienhäusern jetzt idealerweise umgesetzt werden?  
Es gibt keinen Grund, damit zu warten. Die kommunalen Wärmepläne geben zunächst nur Auskunft darüber, ob ein Wärmenetz in einer Gegend sinnvoll ist, oder dezentrale Lösungen genutzt werden müssen. Die energetische Sanierung ist eine No-regret-Maßnahme, was sowohl die Heizkosten erneuerbarer Heizungen betrifft als auch aus Fern- und Nahwärme. Je niedriger der Temperaturbedarf durch effiziente Gebäude, desto schneller können mehr Haushalte mit erneuerbarer Wärme versorgt werden. Deshalb braucht es jetzt klare Förderbedingungen und Planungssicherheit, damit Eigentümer und Kommunen rechtzeitig handeln können.

Wie können Kommunen dabei unterstützen, dass die Sanierungsaktivitäten zunehmen? 
Kommunen müssen nicht nur mit ihren eigenen Gebäuden eine Vorbildrolle einnehmen. Sie spielen auch eine Schlüsselrolle, weil hier die Fäden zwischen Wärmeplanung und Bauleitplanung zusammenfließen. Sie sind ein wichtiger Knotenpunkt für die Vernetzung von Beratungs- und Finanzierungsangeboten, Eigentümern – darunter öffentlichen Wohnungsunternehmen – Handwerk und Energieversorgern.

Zur Studie „Die Rolle der Gebäudeeffizienz für die Wärmewende"