| Newsbeitrag
Die Stadt Lichtenau in Ostwestfalen-Lippe produziert etwa zehn Mal mehr Strom durch Erneuerbare Energien, als sie verbraucht, und generiert dadurch neue Einnahmen für einen stabilen Haushalt. Die Bürgerinnen und Bürger profitieren direkt, unter anderem durch vergünstigte Stromtarife.
Im Interview berichtet Günter Voß, langjähriger Klimaschutzmanager der Stadt, wie auch andere Kommunen zur „Energiestadt” werden können, wenn ihr Selbstverständnis das eines Gestalters der Energiewende ist.
Viele Kommunen leiden unter knappen Kassen – spüren Sie Interesse anderer Kommunen an Ihrem Modell, eigene Einnahmen durch Erneuerbare Energien zu generieren?
Günter Voß: Die finanziellen Herausforderungen und zunehmenden Anforderungen der Kommunen in NRW ähneln sich. Die Energiestadt Lichtenau hat sehr früh damit begonnen, eigene Erkenntnisse aus den Entwicklungen in diversen Netzwerken zur Verfügung zu stellen. Das ist ein Geben und Nehmen und gehört zum Selbstverständnis meiner Arbeit als Klimaschutzmanager in Lichtenau.
Zahlreiche Kommunen, gerade in OWL, zeigten sehr bald großes Interesse an dem „Lichtenauer Modell“ mit einem hohen Anteil an bürgerschaftlicher Beteiligung, die auch zu einer Verbesserung der Akzeptanz führt.
Woran könnte es aus Ihrer Sicht liegen, dass es nicht schon viel mehr Nachahmer gibt?
Zum einen ist der Schulterschluss der demokratischen, politischen Parteien einer Kommune von Nöten. Grundsätzlich müssen die erneuerbaren Energien und die Energieeffizienz gewollt sein. Ein weiterer Faktor ist die kommunale Verwaltung - denn eine Kommune, die sich nicht auch als Gestalter versteht, hat kaum eine Chance, die Energiewende und zugleich ihre Einnahmenseite voranzutreiben. Industrie, Gewerbe und die Bürgerinnen und Bürger kommen dann schon ganz alleine, weil sie ein großes eigenes ökonomisches und ökologischen Interesse am Thema haben. Ich beobachte zwar eine gewisse Aufbruchsstimmung, aber das Ganze kann durchaus noch etwas mehr Fahrt aufnehmen.
Können Sie genauer beschreiben, wie sich aus einem Projekt immer weitere Ideen ergeben haben, wie zum Klima-Campus oder zur Idee der Wasserstoffproduktion?
In einem Science Fiction oder einem Märchen würde es vermutlichen heißen: „Wir schreiben das Jahr 1991 in Lichtenau und auf der Paderborner Hochfläche trafen sich zwei Landwirte und ein Kinderwagen-schiebender Diplomingenieur zufällig. Eine steife Windbrise wehte und es wurde der Entschluss gefasst, daraus was zu machen“. Fakt ist, dass aus dieser zufälligen Begegnung mittlerweile 176 Windenergieanlagen, 1.400 PV Anlagen und vier Biomasseanlagen entstanden sind.
Mit der Zeit gab es das Problem, dass jährlich fast 20 Prozent der Windkraftausbeute aufgrund mangelnder Leitungsaufnahme abgeregelt werden mussten. Die Lösung war gleich auch das nächste Projekt: der sogenannte Schlafende Riese. Mittels Elektrolyse sollte überschüssige Windenergie in Wasserstoff umgewandelt werden. Beginn des Projekts war 2024, die Fertigstellung ist 2027.
Aber auch die Energieeffizienz liegt uns am Herzen: So wurde die Realschule Lichtenau für 23 Millionen Euro nicht nur energetisch saniert, sondern zum KlimaCampus und vereint zwei wirkmächtige Instrumente der Energiewende: Energieeffizienz und erneuerbare Energien, zwei Seiten einer Medaille.
Wie wirkt sich das Gesamtengagement Ihrer Kommune, das unter anderem zu einer hohen Versorgungssicherheit und Preisstabilität bei Strom und Wasser führt, auf das Gemeinwesen Ihrer Kommune aus?
Die verschiedenen Parameter wie Pachterträge, Kommunale Steuereinnahmen, aber auch die generelle Wertschöpfung durch Beteiligungsmodelle werden mittlerweile als eine Selbstverständlichkeit wahrgenommen.
Gerade aber auch das Engagement durch unsere Bürger- und Energiestiftung Lichtenau Westfalen, die jährlich bis zu 250.000 € an Vereine aus Sport, Kultur und Soziales ausschüttet, bringt eine hohe Akzeptanz und Identifizierung.
Die Unterstützung fürs Ehrenamt und die Vereine führte zu einer generellen Verankerung des Themas Energiewende in der Bevölkerung.
Was können Bürgerinnen und Unternehmer tun, wenn sie sich eine ähnliche Dynamik der Wertschöpfung durch Transformation in ihrer Kommune und von ihrem Energieversorger wünschen?
Der Schriftsteller Erich Kästner würde darauf antworten: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ Klingt banal, ist aber ganz einfach. Repräsentativ können Unternehmer und Bürgerinnen, diejenigen in die Kommunalpolitik schicken, die diese Weltsicht auch in Taten umsetzen. Beide Gruppen sind aber auch in ihrer Selbstwirksamkeit nicht zu unterschätzen. Längst sind die Energiekosten eines Unternehmens als auch für private Verbraucher ein hoher Ausgabenposten. Zahlreiche Informationsquellen können genutzt werden. Einer dieser wichtigen, zentralen Punkte ist die kommunale Wärmeplanung, die von jeder Kommune durchgeführt werden muss und konkrete Handlungsvorschläge erbringen soll. Aufgabe der Kommunen ist es, dies auch entsprechend zu kommunizieren.
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