Nahwärmenetze: effiziente Wärmeversorgung für klimafreundliche Quartiere

18.06.2024

Kurzinterview mit Raphael Jungbauer, Geschäftsführer der Stadtentfalter GmbH, die das Energiekonzept der Seestadt Mönchengladbach entwickelt hat, anlässlich der Jahrestagung „KlimaQuartier.NRW“

Am 20. Juni diskutieren Teilnehmer:innen aus Kommunen, Wohnungswirtschaft und Planungsbüros sowie der Energieversorgung, wie eine effiziente Versorgung mit Nahwärme in Quartieren gelingen kann. Best Practices liefern Erkenntnisse und Erfahrungen. Unter anderem stellt Raphael Jungbauer sein Projekt aus Mönchengladbach vor. 

 

Wie entsteht die Idee zu einem klimafreundlichen Quartier wie die Seestadt in Mönchengladbach? 

Raphael Jungbauer: Meistens kommt entweder eine Kommune oder ein Projektentwickler auf uns zu. Solche für Quartiere geeigneten Gelände werden in Innenstadtlagen jedoch immer seltener. Generell ist es aber wichtig, dass man sich mit Quartieren auseinandersetzt und sie tiefgehender betrachtet. Man muss dabei immer bedenken: Wenn man ein Quartier plant, legt man sich technologisch und städtebaulich auf Jahrzehnte fest. Deshalb muss man heute darauf achten, innovationsoffene Infrastrukturen zu planen und zu bauen, damit man sich nicht die Klimaziele von 2045 schon heute verbaut.  

 

Was ist das Besondere an der Seestadt? 

Die Seestadt ist ein Reallabor der Energiewende, dass vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördert wird. Wir wenden unterschiedliche klimafreundliche Technologien an: Wir „ernten“ Wärme aus Abwasser und Luft und wir nutzen Erdwärme. Es entsteht ein großer See, auch namensgebend für die Seestadt. Unter diesem See planen wir Erdwärmesonden zu setzen, um unter anderem die Wärme aus dem Seewasser im Erdreich einzuspeichern und an kalten Wintertagen wieder zur Verfügung zu stellen.  

Zudem bauen wir im ersten Schritt drei kleinere Inselnetze, die mit Fertigstellung des gesamten Quartiers zu einem großen Niedrigtemperaturnetz verbunden werden. Dadurch sammeln wir Erfahrungen für die Zukunft, wenn wir moderne Inselnetze in Kommunen zu Netzverbünden auch interkommunal zusammenschalten. Ein weiterer Vorteil: Wenn eine der vorhandenen drei Technikzentralen in die Wartung muss, können die verbliebenen Energiezentralen den Betrieb der gesamten Infrastruktur sicherstellen. 

 

Was können andere von der Seestadt lernen? 

Dass es in Zukunft viel wichtiger sein wird, darauf zu achten, wie man regional Energie erzeugen und zur Flexibilisierung einspeichern kann. An jedem Ort gibt es andere lokale Möglichkeiten. Man muss sich Gedanken machen, wo es lokal Energiequellen gibt und wie man sie zusammenfassen kann. Wenn man ein Wärmenetz hat, ist der Vorteil: Diese Infrastruktur muss man zukünftig nicht mehr anfassen. Wenn man neuere Erzeugungstechnologie verwenden möchte, muss man lediglich die zentrale Energiezentrale mit dem nächsten Technologieschritt updaten. Moderne Wärmenetze sind zudem hervorragende Speichermedien, um thermische Energie einzuspeichern.  

Auch im Bestand sind solche Lösungen für die Zukunft wichtig, weil diese leitungsgebundene Versorgungsinfrastruktur viele Jahrzehnte genutzt werden kann und man dadurch auch dafür sorgt, dass nicht in jedem Haushalt eine Wärmeerzeugungseinheit eingebaut und gewartet werden muss.  

 

Erklären Sie kurz, welche Art von Nahwärmenetz Sie in der Seestadt nutzen und warum ... 

Der Unterschied zwischen  Nahwärmenetz und Fernwärmenetz liegt lediglich in der Größe des Wärmenetzes – bis zu circa einem Kilometer spricht man von einem Nahwärmenetz. Es gibt aber große Unterschiede zwischen kalten und warmen Wärmenetzen, denn klassische kalte oder Anergie-Wärmenetze laufen an der Umgebungstemperatur und in unisolierten Rohren. Im Winter kann man damit aber keine Wohnungen heizen, man braucht zusätzlich Wärmepumpen in jedem Gebäude, also eine dezentrale Versorgungsstruktur.  
In der Seestadt nutzen wir eine andere Art von Wärmenetz: ein sogenanntes Niedertemperatur- oder Low-Ex-Netz, das mit 30-50 Grad über eine Wärmeerzeugungszentrale und über ein isoliertes Wärmenetz betrieben wird.  

 

Vereinfacht gesagt ist diese Lösung doch zentral und dezentral zugleich, oder? 

Das liegt natürlich auch im Auge des Betrachters. Man hat in unserem Fall drei neuralgische oder zentrale Punkte, die man für das ganze Quartier warten muss. Langfristig ist das kostengünstig, auch wenn man am Anfang das Netz erst bauen muss.  

 

Mehr Informationen zum Projekt

 

Aktuelle Presseinformation zum KlimaQuartier.NRW

Seestadt Mönchengladbach

Raphael Jungbauer, Geschäftsführer der Stadtentfalter GmbH